So, also, ich habs mir mal gekauft und bin gerade dabei. Mein bisheriger Eindruck: Ein wirklich gutes Spiel. Es könnte verdammt gut und die übelste Offenbarung sein, wenn Bioware vielleicht mal doch ein bisschen mehr über seinen Schatten gesprungen wäre und beispielssweise ein paar neue Charaktere designt hätte (was hier ja schon bemängelt wurde). Morrigan erinnert an Viconia, Alistair an Carth Onasi, Sten an den Mandalorianer usw. usf. Vielleicht denkt man, das man dem Kunden mit einem arschigen König wie in The Witcher, den man dann halt trotzdem in den Arsch kriechen muss weil er nunmal Könich ist, den Tag versaut. Oder man traut ihm nicht zu, mal einem/einer WIRKLICH vielschichtigen bösen Person gegenüber zu stehen, ausgestattet mit Menschlichkeit, Gewissen, Moralkodex, Selbstreflexion etc. Keine Ahnung.
Auch find ich es Schade, dass sie trotz allem den amerikanischen comichaften D&D-Stereotypen-Gesinnungsscheiß nicht wirklich konsequent überwunden haben. Sie haben sich zwar Mühe gegeben, aber letzten Endes überraschen die Chars mit ihren Reaktionen dann doch nicht wirklich - Morrigan gibt mir z.B. viel zu viel 'bad-guy/girl'-Kommentare und Reaktionen ab, als dass sie so wirklich in ein kohäntes Charakterbild passen würden. Es ist zu erkennen, dass die NPCs irgendwie mit dem D&D-Gesinnungssystem im Hinterkopf erstellt wurden. Man kann die Charaktere trotzdem noch recht gut einordnen.
Auch die Quests kommen einem teilweise etwas bekannt vor, die Sache mit Redcliff war ziemlich eindeutig von Baldurs Gate 2 inspiriert.
So. Aber auch wenn das komisch klingt - ich kreide das dem Spiel nicht wirklich an. Es ernüchtert einen am Anfang nach der Origin ein wenig, aber nach ein paar Spielstunden ist das überwunden, und zwar einfach, weil die Umsetzung ins Spielgefühl mMn wirklich gut ist. Die Welt ist sehr interessant und vermischt klassische Fantasyelemente mit alternativen/neuartigen so weit, dass sie eine sehr interessante Atmosphäre und Spielwelt erzeugt, in der man viele vertraute Elemente mit neuen vermischt vorfindet (insbesondere die Zwerge finde ich da sehr gut gemacht). Sie enthält zwar weiterhin schwarz/weiß Elemente, aber die sind dann doch recht verwischt und lassen einem manchmal doch merken, dass die Menschen zwar die Guten sind, aber gut hier im Sinne von 'kleineren Übel' gemeint ist (bzw. man ja auch selbst Teil des Clubs ist und darum schon das Überlebensinteresse vorhanden ist).
Die Kämpfe sind anspruchsvoll, Zauberer und Fernkämpfer sehr stark, was so auch irgendwelche 08/15-Encounter noch recht interessant macht. Nur ein paar weniger wären teilweise ganz nett gewesen, die Spiel lässt einem vor lauter Bossen und sich-verteilenden-Gegnergruppen manchmal kaum ne Atempause. Überhaupt finde ich das Regelwerk ziemlich gelungen, auch wenn ich die zusätzlichen Taktikperks etwas sinnlos finde. Zwar finde ich es noch immer unlogisch, dass die Spielfiguren ein paar Dutzend Dolchstiche aushalten weils keine Körperzonen wie in Fallout gibt, aber nun ja, das ist wohl traditionell D&D geschuldet, dass sich als Vorbild irgendwie durchgesetzt hat. Würde man sie einführen, müsste ich mich jetzt wohl auch über ein ganz anderes Regelsystem auslassen.
Auch die Begleiter finde ich sehr gut. Nicht weil sie komplett neuartig sind, aber weil sie, auch wenn sie irgendwo Kopien sind, besser sind als das Original. Ich habe oben geschrieben, dass sich Bioware nicht ganz von dem Gesinnungskram lösen konnte (mit standardisierbaren Gesinnungen Charaktere von Charakteren zu erstellen find ich eh etwas misslungen), aber überwiegend dann doch. Im Vergleich zu den Bioware-Fantasy und KotOR-Games ist es bisher jedenfalls das Beste, und es ist auch besser als Baldurs Gate 2, wegen Regelwerk, Szenario, Atmosphäre und Charaktere (Minskbonus hin, Minskbonus her

). Auch das die Welt sich eher an dunklen und tendenziell klassischen Fantasyszenarien orientiert statt an Faerun ist etwas, das mir gefällt (ist ne Geschmackssache).
Im Vergleich zu The Witcher fällt das ganze dann schon etwas differenzierter aus. Es ist zwar schwer, die beiden Games wegen der unterschiedlichen Spielmechanik zu vergleichen, aber wenn The Witcher nicht so eine hölzerne und etwas schluddrige Erzählweise hätte, würde ich TW den Vorzug geben. So macht dann doch erstmal DAO das Rennen - zumindest mal im Augenblick. Außerdem sind die Kämpfe in The Witcher (weiterer ganz kleiner Minuspunkt) ein Witz.
Vorläufiges Fazit: Bioware ist noch immer Bioware, und sie erfinden sich wirklich neu, aber sie versuchen ihr Spielkonzept in atmosphärischer Hinsicht zu erweitern und zu verformen, und das ist ihnen gelungen. Der Kern ist jedoch noch immer im wesentlichen der gleiche, und wer ihn schon vorher nicht mochte, wird ihn nachher auch nicht mögen.
Edit: Wow, meine letzten drei Posts beginnen alle mit 'So' o_O
