Der Raum, in dem ich mich befinde, ist eigentlich ganz sauber und ordentlich. Nicht zuletzt wegen der in weiß gehaltenen Einrichtung verspühre ich aber trotzdem nicht den Wunsch, mich hier länger als eine halbe Stunde niederzulassen. Auf der linken Seite vom Wasserhahn steht Seife von DuschDas!, daneben entdecke ich eine Flasche Desinfektionszeug und weil sich die Flüssigkeit grünlich abzeichnet, bemerke ich, dass die Flasche noch fast voll ist. Rechts vom Wasserhahn befindet sich eine Packung mit durchsichtigen Gummihandschuhen, mit denen man bestimmt ganz ausgezeichnet rumspielen kann. Über dem Waschbecken hängt kein Spiegel, was mir aber eigentlich egal ist, wenn ich so darüber nachdenke. Ich habe sowieso keine Lust, mein Gesicht zu sehen, und weil mir die dumme Schlampe in Lila gesagt hat, ich solle mich mal hier hinlegen und den Bauch frei machen, könnte ich ja sowieso nicht in den Spiegel sehen, wenn denn einer über dem Waschbecken hängen würde. Ich habe mein Hemd wieder heruntergeschoben, weil es hier kalt ist. Ich sehe auf Anhieb zwar kein Fenster, entdecke dann aber ziemlich genau über mir so ein Schiebeding in der Decke, wie man es eigentlich in einem Auto erwarten würde. Mir kommt der Gedanke, dass ich eigentlich Hunger haben müsste, weil ich seit heute Vormittag nichts mehr gegessen habe. Aber die einzigen Gefühle, die mich zärtlich umspielen und mir den letzten Nerv rauben, sind Langeweile und Schmerzen. Der Schreibtisch vom Herrn Doctor gefällt mir nicht. So ein Ding, das man rechts und links ausziehen und verlängern kann. Auf dem eingeschalteten Bildschirm sehe ich irgendwelche bunten Tabellen, in denen bestimmt irgendetwas über meine Pisse und mein Blut drinsteht, womit, wie mir die hübsche Ärztin aus dem Krankenhaus gestern Nacht um halb eins noch bescheinigt hat, ja wohl alles in bester Ordnung ist. Ich wäre ja gerne noch ein wenig länger im Krankenhaus geblieben, aber die blonde Schwester ging mir auf den Geist. Also hab ich mir einen 1,20 Euro-Tee für 20 Cent gekauft, den Automaten somit um einen Euro beschissen, bin nach Hause und habe mich vor den Computer gesetzt. Der Computer vom Herrn Doctor hat Windows 98 oder so. Auf dem Schreibtisch liegt allerhand Zeug, vorallem die Rezeptscheine und irgendwelche gelben Karten fallen mir ins Auge. Erst jetzt fällt mir auf, dass das sperrige, graue Gerät neben mir seit ich hier bin ununterbrochen am rauschen ist. Ich betrachte es näher, erinnere mich an seinen Zweck und komme mir vor, als wäre ich im achten Schwangerschaftsmonat.
Die Hände vom Herrn Doctor sind kalt und hart und mindestens so glitschig wie das Zeug, was er mir mit seinem Apparat auf den Bauch schmiert. Als er mir seinen Bildschirm hinschiebt, damit ich meine Niere sehen kann, merke ich, dass ich jeden Augenblick anfangen werde, bescheuert zu grinsen, und ich versuche, es zu unterdrücken, aber es gelingt mir nicht, und ich grinse bescheuert, sekundenlang, bis ich es irgendwann in den Griff kriege und mir intervenierend auf die Oberlippe beisse. Mir kommt der Gedanke, dass mich die Infusion abgeschossen haben könnte, und tatsächlich merke ich nun, dass ich irgendwie stoned bin. "Da haben wir ihn ja," sagt der Herr Doctor, sagt mir, ich solle mal kurz NICHT atmen und macht dann, als ich seiner Bitte nachkomme, ein Standbild, auf das er wenig spät ein paar bunte Pfeile zaubert. "Sehen Sie sich das mal an," rät er mir, und ich sehe mir das mal an und erkenne den Nierenstein.
Mit dem Rezept und der Krankmeldung in der Hand stolpere ich die Treppen hinunter und öffne die Tür. Als ich auf den Marktplatz trete, kriege ich einen Windstoß ab, der mich fast zum Schneemann werden lässt. Ich gehe vorbei an alten Leuten und plärrenden Kindern und nehme zum ersten Mal Notiz von dem großen, festlich geschmückten Tannenbaum, der links von mir steht. Ich beschließe, dass er mich kein Stück interessiert und betrachte ein paar Jugendliche beim Alkoholkonsum, dann trete ich vor die Apotheke. "Notdienst Montag, 30 November: Apotheke in Raisdorf, Bahnhofsstraße 9". Den Herrn Doctor gedanklich verfluchend schleppe ich mich zum Supermarkt nebenan, bemerke, dass die süße Kassiererin nicht da ist, kassiere 2,58 Euro Pfandgeld und kaufe mir ein Sixpack Foster's.