Yael erblickte das Licht der Welt in der Tinos-Bannmeile auf Fortuna I. Noch bevor sie ihren ersten Atemzug tat, war sie bereits durch die Vergangenheit ihrer Erzeuger als Kriminelle gebrandmarkt. Ihren Vater hatte sie nie kennen gelernt. Er war im Vorstand einer bürgerwehrähnlichen Bewegung, die in ihrem Viertel für Ruhe und Ordnung sorgte und die örtlichen Banden auf Abstand hielten. Sie finanzierte sich durch mehr oder weniger freiwillige Steuern und bezog ihre Ausrüstung von Schmugglern und Leichen. Ihre Rekruten kamen ausschließlich aus ihrem Viertel und waren durch ihre enge Nachbarschaft eine verschworene Gemeinschaft. Bei einer Vergeltungsaktion einer Gang wurde Yaels ältere Schwester gekidnapped und erhielt eine Überdosis an Rauschmitteln, die ihren Verstand in Trümmern zurückließ. Sie wurde nach einer heftigen Schießerei im Viertel befreit, ihr Vater erlag jedoch seinen Wunden und so wurde der Älteste zu seinem Nachfolger. Yaels Bruder nahm seine Aufgabe sehr ernst und tat alles dafür, um seine verbliebene Familie zu schützen. Als ihre Mutter nach drei Jahren durch eine einfache Lungenentzündung starb, übernahm er auch noch Yaels Erziehung und leistete sich von seiner kargen Besoldung einen Privatlehrer, der sie für ein paar Stunden täglich unterrichtete. Wenigstens die Belästigungen an den Schulen wollte er ihr damit ersparen. Er ermöglichte seinen Schwestern ein einfaches, mehr oder weniger gesichertes Leben und sorgte dafür, dass sie das Viertel nicht verließen.
Mit nur 11 Jahren wurde Yael in die Miliz eingezogen und erfuhr eine wenig kindgerechte paramilitärische Ausbildung, damit sie sich im Zweifelsfall selbst verteidigen und der Miliz behilflich sein konnte. Ihr Tagesprogramm bestand im Wesentlichen aus Unterricht, Sport, Wachdienst und Schlafen. Ihren ersten Toten hatte sie noch im gleichen Jahr zu verantworten. Ihr Bruder hatte nach einer blutigen Straßenschlacht einen überlebenden Ganger vor die Wand gestellt und einen Sack über den Kopf gezogen – eine psychologische Maßnahme zur Entmenschlichung, die das anfängliche Töten erleichterte. Später fielen die Säcke weg und schon bald durfte sie mit Gleichaltrigen Wache schieben. Sie tat sich erfolgreich als Heckenschützin hervor und überlebte. Viele Andere aus ihrer Gruppe hatten nicht so viel Glück und obwohl sie sich bemühte, konnte sie nur wenig für sie tun. Es gab niemals eine Garantie für Sicherheit, keine Nacht, in der sie nicht wachsam sein musste. Zwischen den Kämpfenden galt die Devise Auge um Auge, Zahn um Zahn. Missbrauch, Tod und Verstümmelung gehörte für die Bewohner in schlechten Zeiten zum Alltag. Mehrmals entging sie haarscharf einer Vergewaltigung und rächte sich mit immer ausgefeilterer Messerarbeit.
Durch stetigen Nachschub und unter Einsatz massiver Gewalt wurden die örtlichen Gangs zu einer immer größeren Gefahr. Die Miliz wurde im Laufe von zwei besonders harten Jahren auf ein gefährliches Maß ausgedünnt. Ihr Bruder sah sich gezwungen, Verbündete zu suchen – und fand sie bei seinen Feinden. Er einigte sich mit Bassam, einem der einflussreichsten Bosse in der Gegend darauf, regelmäßig Schutzgeld abzutreten. Dafür sollten seine Männer dem Viertel Schutz vor anderen Banden gewähren. Bassam forderte allerdings mit der Zeit auch den einen oder anderen Gefallen und übernahm nach und nach die Leitung über die Miliz und damit die Kontrolle über das Viertel. Ihr Bruder verkam zu einem Handlanger– und fand sich damit ab, um die Sicherheit der Bewohner beizubehalten. Immerhin zeigte sich sein neuer Boss für seine Kooperation erkenntlich und tat ihm den Gefallen, Yael aus der Stadt zu schmuggeln. Auslöser für diese plötzliche Entscheidung war der zunehmende Verfall seiner älteren Schwester und seine zunehmende Desillusion über die Zukunft der Jüngeren. Die damals Fünfzehnjährige machte keine Anstalten, sich gegen die Entscheidung seines Bruders zu stellen. Es gefiel ihr nicht, wie er von der Bande benutzt wurde und wollte nicht auf die gleiche Weise enden wie ihre Schwester, eine körperlich wie seelische kaputte Prostituierte, die nicht länger als bis zum nächsten Schuss dachte. Außerdem wollte sie schon immer das Meer sehen...bisher hatte sie nur davon gelesen.
Die Schmuggler setzten sie in der nächsten Stadt ab und überließen sie sich selbst. Ohne richtigen Schulabschluss hatte sie es schwer eine menschenwürdige Arbeit zu finden. In der ersten Zeit schlug sie sich mit Diebstählen durch, bis sie in einem Rekrutierungsbüro von Shadowblank landete und hier ihre besten Chancen sah. Nach ihrer Ausbildung erweiterte sie ihre Kenntnisse um zusätzliche kostenpflichtige Lizenzen, um für die interessanteren Arbeiten in Frage zu kommen. Regelmäßig meldete sie sich freiwillig für Aufgaben, die sie auch an entlegenere Ecken des Alls brachten.
Ihr letzter Auftrag für das Unternehmen führte sie in ein Krisengebiet auf Otro Mundo, einer unabhängigen und für die Konzerne unbedeutende Welt, die von ehemaligen Kriegsflüchtlingen bevölkert wurde. Die Aufgabe bestand darin, einen Versorgungskonvoi zu bewachen. Ihre Route führte durch ein Gebiet, in der laut Regierung verstärkt Rebellen aktiv waren. Trotz äußerster Vorsicht geriet der Konvoi in einen Hinterhalt, der in einem Massaker endete. Yael wurde mit einigen Anderen von den Rebellen gefangen genommen und draußen verhört. Überraschenderweise blieb etwaige Folter dabei aus. Stattdessen versuchte man ihnen die tatsächliche Lage zu offenbaren und man riet ihnen, ihre Arbeitgeber zu überdenken. Yael hatte genug Neugier entwickelt, um die Geschehnisse zu hinterfragen und wurde nach intensiven Gesprächen , bei der ihre Loyalität gegenüber der Regierung und ihren Geschäftspartnern überprüft wurde in die Stadt eingeladen. Dort konnte sie sich über die Zustände aus erster Hand informieren. Während sie Land und Leute näher kennenlernte machte sie auch Bekanntschaft mit der Regierungsarmee, die sich im Namen ihres Herrschers etliche Freiheiten auf Kosten der Bevölkerung erlaubten. Willkürliche Razzien, Plünderungen und Schlägereien waren an der Tagesordnung, bei denen die Bewohner immer den Kürzeren zogen.
Nach und nach eröffnete sich ihr, was für ein Mensch an der Spitze der Regierung sitzen musste. Ihr wurde bewusst, dass die Bevölkerung vogelfreie Gefangene im eigenen Land waren und konnte sich mit ihnen identifizieren. Da sie ohnehin vergeblich auf Rettungskräfte gewartet hatte und Geld für die Weiterreise brauchte, schloss sie sich der ihrer Meinung nach richtigen Seite an. Sie war achtzehn, als ihre Ausbildung durch die Guerillas noch um einige Facetten erweitert wurde. Wie man Sprengstoff mit einfachen Hausmitteln anfertigte. Wie man sich als Zivilistin tarnte und den Non-Kombatanten miemte, um den feindlichen Soldaten anschließend in den Rücken zu fallen. Wie man hartnäckige Gefangene zum Reden brachte – schließlich hat jeder Mensch sein Limit. Entführungen, kleinere Attentate, Sabotage und Mord. Jedes Mittel war Recht, im Namen der Freiheit.
Yael zeigte besonderes Talent als Fußsoldatin und im Umgang mit Sprengstoff, weswegen sie gerne für Sabotageakte und Kampfeinsätze verwendet wurde.
In einer Nacht- und Nebelaktion überfielen die Rebellen das Staatsgefängnis und verwandelten es Mithilfe der Insassen in ein Schlachthaus. In die Reihen der Guerillias traten politische Gefangene und Unschuldige, aber auch verurteile Mörder und andere kriminelle Individuen. Die Sicherheit im Land bröckelte immer weiter.
Weder die geschwächte Polizei noch die Regierungsarmee waren imstande, die Situation unter Kontrolle zu halten. Die Folge davon waren noch mehr Aufstände, noch mehr Tote. Mit der Befreiung eines Volkshelden und seiner flammenden Reden konnten die Rebellen das Volk entgültig dazu bringen ihre Wut einzig auf ihren Herrscher zu lenken und verursachten einen unlöschbaren Brandherd, der sich rasend schnell ausbreitete. Waffenlager wurden geplündert, militärische Anlagen sabotiert und Soldaten hatten solange sie nicht gleich massakriert wurden die Wahl zu sterben - oder sich dem Bürgerkrieg anzuschließen.
Nachdem die wichtigsten militärischen Anlagen nach und nach in die Hände der Rebellen gelangten, formten sie aus ihren Kämpfern eine Revolutionsarmee und rückten gegen Álcarez' Palast vor, der mittlerweile zu einer Festung ausgebaut wurde. Minen zerrissen dutzende Männer und Frauen, feindliche Soldaten dezimierten mit Scharfschützengewehren und Granatwerfern die heranrückende Welle um zahlreiche Menschenleben, doch der beständige Strom spülte diese Gefahren einfach hinweg. Unter schweren Verlusten wurde die unterirdische Bunkeranlage unter dem Anwesen gestürmt und Diktator Álcarez in einem öffentlichen Schauprozess hingerichtet.
Anschließend wurden Yael und viele weitere Kämpfer von dem neuen Regierungsoberhaupt mit dem Ritterorden von Otro Mundo ausgezeichnet und zu weiteren Hinrichtungen von Beratern, militärischen Befehlshabern, Freunden und unzähligen Angehörigen der Oberschicht eingeladen.
Es blieb alles beim Alten, nichts hatte sich geändert. Der Bürgerkrieg sollte die Wende bringen und hatte nichts Anderes getan, als die Führung auszutauschen und das Land in Schutt und Asche zu versenken. Yael fühlte sich betrogen und verließ die Welt umgehend. Alles wofür sie gekämpft hatte, war eine Lüge. Es ging um Credits und Macht, nichts Anderes. Sie erkannte, worum es bei diesem Bürgerkrieg wirklich gegangen war. Die Begleichung alter Rechnungen, persönliche Bereicherung und Macht über Andere...
Sie hatte ihre Lektion gelernt. Von ihrer Kriegsbeute leistete sie sich eine künstliche Runderneuerung, um ihre Erfolgsaussichten auf dem Arbeitsmarkt zu steigern...und stärker zu werden. Anschließend machte sie weiter und stellte sich als freie Söldnerin zur Verfügung. Ihre Einstellung hatte sich grundlegend geändert. Es galt einen Job zu erledigen und sie führte ihn aus. So einfach war das. Das Warum war von dem moralischen Standpunkt aus unwesentlich. Viel entscheidender war, sich vorher gründlich zu informieren, um eventuelle weniger offensichtliche Risiken auszuschließen. Sie vermied es, Abneigungen oder Sympathie gegenüber ihren Auftraggebern zu entwickeln und beließ es bei geschäftlichen Beziehungen. Wer Bedarf an Söldnern hatte, suchte keine Freunde, sondern leistungsfähige Werkzeuge.
Einer ihrer bizarrsten Aufträge führte in die illegale Pornoindustrie, wo sie für einen Privatdetektiv die grobe Arbeit erledigten sollte. Während des Einbruchs in das Zielgebäude, ein Waisenhaus, tötete sie das bewaffnete Personal und befreite seine verstörten Bewohner. Es stellte sich heraus, dass ein elitärer Club Perverser Mitglieder in allen Gesellschaftsschichten besaß und vom örtlichen Bürgermeister stillschweigend geduldet wurde. Dieses eine Mal machte Yael eine Ausnahme und akzeptierte die kurzfristig aufgesetzten neuen Konditionen ihres Auftrags, Sie sollte diese Leute leiden lassen. Yael brachte die Kids bei ihm in Sicherheit und bereitete einem Teil ihrer Peiniger in einer blutigen Hetzjagd ein nicht immer ganz so schnelles Ende. Die Folterungen und anschließenden Ermordungen nahm sie auf und schickte sie ihrem zufriedenen Auftraggeber. Diesen Job persönlich zu nehmen war jedoch ein Fehler, den sie später bereuen würde. Nicht nur wurde ihr dieser Einsatz nicht entlohnt, er hatte auch zur Folge, dass intensive Nachforschungen von der übrigen Gegenseite eingeleitet wurden. Während sie und ein an dem Fall beteiligter Detektiv es schafften rechtzeitig unterzutauchen, hatte ihr Auftraggeber weniger Glück und wurde wenig später tot in einem Schlafzimmer aufgefunden...angeblich Selbstmord. Die eben erst befreiten Jugendlichen waren verschwunden. Yael hatte weder ihr Geld bekommen, noch hat ihr Einsatz die Kinder gerettet.
Immerhin hatte sie daraus gelernt...
Seit dieser Erfahrung achtete sie darauf, bloß keine weiteren Aufträge dieser Art anzunehmen...gleich von welcher Seite.
Yael machte nach diesem Vorfall eine Weile Urlaub auf Suang. Das glasklare blaue Meer war der ideale Ort, um ihre angeschlagene Psyche wieder auf ein erträgliches Maß aufzubauen. Nebenher verdiente sie etwas Taschengeld damit, einen neuen Waffenhändler und seine Jungs von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Seine Geschäfte passten den Familien nicht ins Konzept, also musste er weg..
Von dem Geld hängte sie noch einen Tauchkurs an ihren Urlaub und erfreute sich noch ein wenig länger an Strand und Meer. Wenig sparsam wie sie war, ging ihr schnell wieder das Geld aus...